Die Voralbbahn

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Göppingen - Bad Boll

Göppingen - Bad Boll

 

 Archiv 2003

 

Voralbbahn Nachrichten
EIN NEUER ZUG IM KREIS e.V.

Bahntrasse als Technotop
Botanische Erhebung entlang der Bahnstrecke
Göppingen - Boll
Naturschutz und Trassenerhalt ergänzen sich /
Ergebnis zweier Begehungen

In Kooperation mit dem Förderverein, den Naturfreunden Göppingen und des Naturkundeverein fand im Mai und September des vergangenen Jahres eine botanische Exkursion entlang und auf der Bahntrasse Göppingen - Boll statt. Seit der Stilllegung haben sich die Böschungen entlang des Bahndammes zu wertvollen Biotopen entwickelt und bilden somit eine hervorragende Biotopvernetzung vom Albvorland ins Stadtgebiet von Göppingen. Während der Exkursion wurde unter der Anleitung von Biologen viele Pflanzen und Tiere dokumentiert. Das Ziel dieser Veranstaltung ist, die Möglichkeiten aufzuzeigen, dieses Biotop aus zweiter Hand auch bei einer Wiederaufnahme des Zugverkehres zu erhalten.

Entlang der 1997 stillgelegten Bahnstrecke Göppingen- Boll
hat sich aufgrund der besonderen Standortbedingungen beiderseits des Bahndammes ein Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten entwickelt. Hier leben zum Teil vom Aussterben bedrohte Arten, die anderenorts keine Überlebensmöglichkeit mehr haben. Wie vermutet fanden sich keine seltene Orchideen. Um so erstaunlicher ist die große Zahl an Ackerwildkräutern und Obstgehölzen, die gefunden wurden.

Vom Biotoptyp her handelt es sich im Fall des Boller-Bahn Gebietes um ein Technotop, also der Verbindung von Natur und Technik und ist somit wie viele Biotope unserer Kulturlandschaft “Natur aus zweiter Hand”. Da sich die schützenswerten Bereiche bereits während des Bahn-betriebes entwickelten und sich somit größtenteils außerhalb des Gleisbereiches befinden, dürfte eine Wiederinbetrieb-nahme als Schienenweg nur geringe Auswirkungen haben. Zudem stellt der Gleiskörper bei einem Halbstundentakt für Insekten und Tiere kein unüberwindbares Hindernis, wie z.B. eine Strasse, dar. Bei einer Länge von 12 km darf man sicherlich vom längsten Biotop des Landkreises sprechen und es stellt somit einen wichtigen Beitrag zur Biotopvernetzung dar. Außer einigen Straßenquerungen und dem neuen Bahnhofsbereich in Heiningen besteht ein durchgängiger Grünzug vom Göppingern Stadtgebiet ins Albvorland bei Boll. Seit dem Bau im Jahre 1926 ist entlang der Bahnstrecke ein erstaunliches buntes Mosaik von unterschiedlichen Lebensräumen entstanden. So sind im Bereich der Bahnhofsareale Boll, Dürnau und Holzheim interessante Trockenrasenflächen anzutreffen.

In den zahlreichen alten Obstbäumen die zwischen Dürnau und Boll, sowie in Eschenbach und im Bodenfeld am Schienenstrang stehen, haben viele Vögel und Insekten ihre Kinderstube. Soweit es sich nicht um Wildlinge handelt, wurden diese meist von Bahnmitarbeitern gepflanzt und genutzt. Heute werden die Obstbäume nicht mehr gepflegt und langsam von Schlingpflanzen und anderen Gehölzen überwuchert und sterben ab. Ein Erhalt der noch vorhandenen Obstbäume durch Pflege und das Nachpflanzen abgegangener Bäume durch hochstämmige alte Sorten wäre wünschenswert.

Der größte Teil der schützenswerten Fläche nehmen Hecken und Gehölzstreifen ein, die sich auch entlang der die Boller Bahn unterquerenden Bachläufe in die Fläche fortsetzen.

Bis zum heutigen Zeitpunkt sind leider nur einige dieser Heckenstreifen als Biotope nach §24a Naturschutzgesetz erfasst. Einige dieser hauptsächlich als Schutz vor Schneeverwehungen gepflanzten Heckenstreifen müssten in nächster Zeit, wie früher üblich, verjüngt werden. Die zum selben Zweck gepflanzten Fichtenstreifen sollten ebenfalls durch standorttypische Gehölze ersetzt werden. Auf den Flächen, die früher zur Versorgung der so genannten Bahnwärtergeissen und Stallhasen von den Pächtern regelmäßig gemäht wurden, hat sich bis heute das Gros der Ackerwildkräuter angesiedelt. Ackerwildkräuter, von vielen heute noch als Unkraut angesehen, kommen hier noch vor, wo sie sonst an ihren angestammten Plätzen, den Weg- und Ackerrändern , verschwunden sind. Allerdings wäre zum Erhalt eine einmalige Mahd im Jahr erforderlich. Das Schotterbett der Gleise und die zahlreichen kleinen Kunstbauten bieten Insekten und Reptilien Unterschlupf und Versteckmöglichkeiten.

Während der nunmehr fünf Jahren der Stillegung wurde der Gleiskörper, also Schienen- und Schwellenbereich vom Förderverein bis auf ein kurzes Stück im Bereich des Schlater Bahnhofes, ehrenamtlich vom Bewuchs freigehalten. Der eigentliche Biotopbereich zwischen Schotterbett und landwirtschaftlich- oder privat genutzter Fläche wurde sich selbst überlassen. Da es sich im Fall der Bahnstrecke um ein von Menschen geschaffenes Biotop handelt, ist zu dessen Erhalt auch der behutsame Einsatz des Menschen notwendig. Momentan breiten sich an vielen Stellen Brombeerhecken oder Eschen-Monokulturen aus und unterdrücken jeglichen anderen Bewuchs, zerstören den Gleisoberbau und machen auch optisch einen schlechten Eindruck.

Ein nennenswertes Vorkommen von Neophyten, wie es für einen Bahndamm zu erwarten gewesen wäre, konnte nicht nachgewiesen werden. Als einziger, heimische Arten verdrängender exotischer Neubürger, wurde im Bereich des ehemaligen Holzheimer Bahnhofes die Kanadische Goldrute gefunden.

Für den ökologischen Wert von ehemaligen Bahndämmen
und deren Erhalt durch Pflege gibt es anderenorts bereits genügend Beispiele. Der Unterschied zu unserem Projekt besteht zum einen in seiner Länge von ca. 12 km und darin, dass in diesem Fall die Schienen noch nicht abgebaut sind, mit der Option den Zugbetrieb wieder aufzunehmen. Ist der Schienenstrang Göppingen - Boll heute noch komplett erhalten, so geht doch fast täglich ein Stück Natur beiderseits der Schiene durch Baumassnahmen oder durch unterlassener Pflege verloren. (kei)

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